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amazonas - die reise

Ein kurzer Bericht über das Projekt und die Reise von Ekkeland Götze

Vor zwei Jahren lud mich das Goethe-Instituts Sao Paulo ein, mit einem Terragrafie-Projekt an einer Ausstellung "Die Sinne der Erde" anlässlich des 500. Jahrestages der "Entdeckung" Brasiliens teilzunehmen. Ich war überrascht und fühlte mich geehrt, obwohl ich über ein Projekt in Südamerika bis dahin noch nicht nachgedacht hatte. Der erste Gedanke war, von jedem noch im Regenwald lebenden Indianerstamm Brasiliens eine Terragrafie zu schaffen. Ich hatte allerdings nicht mit der Anzahl von 350 gerechnet. Danach versuchte ich zwei Jahre lang, ein Konzept für ein Werk zu entwickeln, das der ursprüngliche Idee zumindest nahe kommen würde. Diese Vorstellungen waren über die Kontakte, die ich geknüpft hatte, nicht zu verwirklichen. Alle meine Bemühungen liefen ins Leere, die Realisierung schien unmöglich und die Zeit verrann. Nachdem ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, stieß ich im Frühsommer 2000 durch den Hinweis eines Freundes über das Internet auf Jean-Philippe Beau-Douëzy aus La Chaussée St. Victor an der Loire. Dieser ließ sich durch meine Ideen inspirieren. Allmählich entwickelte sich ein realisierbar erscheinendes Konzept, dessen Rückgrat der mächtig dahinströmende Fluss sein würde:
Ich wollte den Amazonas von der Mündung aus so weit wie möglich mit dem Boot befahren und dabei vom WASSER aus ERDE an Plätzen gewinnen, die für die dort lebenden Menschen eine spirituelle, mythologische, kulturelle, historische oder alltägliche Bedeutungen haben. Wir nahmen uns auch vor, die Nebenflüsse hinaufzugehen, weil nur noch dort die Chance besteht, ursprünglich lebende Indianer zu treffen. Es sollte ein Werk vom größten Flusssystem der ERDE entstehen, dem größten zusammenhängenden Regenwaldgebiet der ERDE und seinen Bewohnern. Bei der Realisierung des Projekts würden wir flexibel auf unerwartete oder besondere Umstände reagieren, die durch die zur Verfügung stehende Zeit, den Kostenrahmen, die Kontaktmöglichkeiten, eventuelle Restriktionen und dem Wasserstand der Flüsse bedingt sein würde (und mein Konzept von Fall zu Fall den Bedingungen anpassen). Ich wollte aber auf jeden Fall immer dem Flusslauf folgen.

In den Jahren 1541/42 befuhr Francisco de Orellana als erster Europäer den Amazonas von den Anden bis zur Mündung. Unfreiwillig, denn die Stromschnellen am Zusammenfluss von Rio Coca und Rio Napo machten die Rückkehr zu Gonzalo Pizarros Konquistadoren, die er mit Proviant versorgen sollte, unmöglich. Er starb, zum Verräter gestempelt, 1546 auf einer Insel im Mündungsdelta des Amazonas.

Im Frühjahr 1800 erreichte Alexander von Humboldt zusammen mit dem Franzosen Aimé Bonpland, von der Mündung des Orinoco kommend, den Rio Negro. Er hatte den Brazo Casiquiare befahren und damit den Beweis erbracht, dass es die lange bezweifelte, natürliche Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas wirklich gibt.

Am 5. September 2000, Frühlingszeit in Amazonien, traf ich mich mit Jean-Philippe in Fortaleza an der Atlantikküste, wo wir unsern ursprünglichen Plan änderten und das Projekt direkt am Amazonas begannen. Mit dem Bus erreichten wir in 26 Sunden Belem. Von dort setzten wir zur Ilha da Marajo im Mündungsdelta des Amazonas über. In Cachoeira de Arari trafen wir Pater Giovanni Gallo, der dort ein bemerkenswertes Museum über die Geschichte der Ureinwohner dieser Insel gegründet hat: Seit 1100 v.Chr. lösten sich fünf Keramik herstellende Kulturen ab. Vor 100 Jahren starb hier der letzte Indianer. Inzwischen habe ich erfahren, dass schon vor 40.000 Jahren Menschen auf dieser Insel lebten. Mit zwei Tonerden bester Qualität vom Rio Arari kehrte ich nach Belem zurück.
Dort bestiegen wir am Abend des 12. September die "Santarem", ein Linienboot nach Santarem. Wir bezogen eine Kabine, um unser umfangreiches Gepäck sicher verstauen zu können. Eineinhalb Stunden vor Mitternacht, wir warteten am Ufer das Abflauen eines Sturm ab, sprang Jean-Philippe in den Estrado de Breves und holte ERDE vom Ufer, denn offiziell würden wir nur dreimal anlegen. Dieser ungewöhnliche Einsatz war der Beginn einer freundschaftlichen Beziehung zu Commandante Altair und seiner Crew. Im Verlauf der Reise verloren wir den kühlenden Wind vom Atlantik und es wurde heiß. Nach drei Tagen erreichten wir morgens Santarem und hatten bei Halts in Almeirim, Praina und Monte Alegre ERDE gegraben.
In Santarem wurden wir mit Nelson handelseinig, die "Bruna Caroline", ein typisches Amazonasboot mit überdachten Deck (für Hängematten, Arbeits- und Speisetisch), Dusche, WC und Kombüse, für sechs Tage zu chartern. Am nächsten Tag stachen wir nach dem Einkauf der für diese Zeit benötigten Lebensmittel (Diesel, Öl und Gas hatte Nelson schon über Nacht gebunkert) in See und fuhren den Grünwasserfluss Rio Tapajos hinauf. Am 17. September erreichten wir Suruaca, die erste von 16 Caboclo-Communities, die wir in den nächsten Tagen aufsuchen wollten. Dabei verfuhren wir immer nach dem gleichen Schema:
Wir fuhren ans Ufer und warteten, bis die ersten Dorfbewohner an Bord kamen. Mit diesen zusammen gingen wir dann zum Oberhaupt der Gemeinschaft und Jean-Philippe stellte mein Projekt vor. Dabei zeigte ich in meinem Katalog die Werke, die bisher an den unterschiedlichsten Orten der Welt entstanden waren, und breitete die mitgebrachten kleinen Terragrafien aus. Ich bat die Leute sich eine davon als Geschenk auszuwählen. Und erzählte dann die Geschichte, die zur mich zur Herstellung dieser Arbeit, dieses Projekts bewegte. Daraufhin bekamen wir immer eine Hand voll ERDE von einem Platz mit besonderer Bedeutung für das Dorf. Anschließend schnitt ich die Geschichte, die einer der Alten erzählte, mit. An jeder Fundstelle nahm ich mit GPS die geografische Position, fotografierte den Himmel darüber und porträtierte die Person, die mir die ERDE gegeben hatte.
Am Nachmittag dieses Tages steuerte Nelson eine Stelle an, von wo aus Hütten in einer Lücke des Waldes zu sehen waren, durch einen Wasserlauf vom Ufer getrennt. Mit Einbäumen kamen Kinder und Raymundo Victo zu uns herüber und luden uns ins Dorf ein. Es waren Takuari, die sich zum Stamm der Mundurucu rechneten, den ersten wirklichen Indianern, denen wir begegneten. Der Kazike empfing uns freundlich und berief dann eine Versammlung des ganzen Dorfes ein, um unsere Bitte um ERDE zu beraten. Nach einer Rede des Kaziken und einem Lied zu unserer Begrüßung stellte ich mein Werk und das Amazonas-Projekt vor. Danach entspann sich eine rege Diskussion, an deren Ende nach anderthalb Stunden die Frage des Oberhauptes stand: Geben wir ihm ERDE? Ja oder Nein? Die Antwort war ja. Wir wurden eingeladen, die Nacht beim Dorf zu verbringen und an einer Zeremonie zur Versöhnung mit Mutter ERDE teilzunehmen. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ein Feuer entzündet und wir mit den Kanus vom Boot abgeholt. Die Leute hatten sich verwandelt, einige trugen Federkronen, Perlengürtel, Stirnreifen und Faserröcke. Wir wurden in den Kreis aufgenommen. Der Schamane rief einen Segen in die Nacht, ein Rauchopfer wurde im Kreis herumgetragen, alle hielten sich an den Händen und begannen zu tanzen und der Gesang stieg unter Trommel und Flötenklängen zum Himmel auf. ERDE und Himmel, Wasser und Berg wurden angerufen. Am Ende saßen wir am Feuer beisammen und der Schamane Raimundo Assis dos Santos erzählte die Geschichte des Stammes. Am nächsten Morgen stiegen wir auf den Berg Taquara, dem Ursprung des Stammes und entnahmen ERDE. Wir wurden mit der Einladung verabschiedet, jederzeit und in unbegrenzter Dauer ins Dorf zurückzukommen.
Danach fuhren wir den Tapajos zurück und den Rio Arrapiúns hinauf. In Cachoeira do Arua versperrten Stromschnellen den Weiterweg. In Begleitung von Manuel Magno Marquez aus Sao Francisco do Arua umgingen wir diese zu Fuß, um oberhalb am Rio Arua ERDE am Landeplatz zu nehmen, an dem die Güter aus den Kanus vom Oberlauf des Flusses auf einen Ochsenkarren umgeladen werden. Noch in der Nacht gruben wir auch in Cachoeira ERDE am Brunnen und hörten die Erzählung von Osmar Batista an. Dann fuhren wir wieder stromab. In Nova Sociedade gab uns Fujenco Silvo, der älteste Mann der Gegend die ERDE, mit der er sein Haus errichtet hat. Über den Igarape do Jari erreichten wir wieder den Amazonas und gewannen weitere ERDEN und hörten die Geschichten der Leute, bevor wir am 22. September wieder Santarem erreichten. Zusammen mit Cornelio Correa, einem Nachkommen der Barone von Santarem, gruben wir fünf weitere ERDEN. Die wichtigste gewannen wir in Vera Paz, wo ein Indianerfriedhof durch Keramikfunde belegt ist, dessen Historie aber völlig im Dunkel liegt.
Am Nachmittag begleitete uns Cornelio persönlich zur "Nelio Correa", die zur Schiffslinie seines Bruders gehört und stellte uns unter die besondere Obhut des Schiffsmanagers. Das machte die dreitägige Reise nach Manaus überaus angenehm. Wir speisten immer zusammen mit ihm und der Tochter des Bruders und bekamen so manchen Leckerbissen. Wieder gewannen wir ERDE an den Anlegestellen in Obidos, Juruti, Parentins und Itaquatiara, wo uns das besondere Verhältnis zur Crew zustatten kam, denn der Kapitän rief mit dem Schiffshorn ein Kanu herbei, das uns zum Ufer und zurück brachte. Einen regulären Halt hätte es hier nicht gegeben. Die Nacht kündigte sich schon an, als in der Ferne Manaus auftauchte. Doch das dauerte noch zwei Stunden, in denen wir vor dem Ruderhaus sitzend, den Geschichten des Kapitäns lauschten und die scharf geschnittene Linie zwischen den braunen Wassern des Amazonas und den Schwarzen des Rio Negro überquerten, die sich bis zu 80 km weit nebeneinander hinabwälzen.
Manaus empfing uns mit ohrenbetäubendem Lärm. Aus den geöffneten Kofferräumen der abgestellten Autos hämmerte der Beat, die Musikbox wummerte dagegen und die Schönen tanzten im Rhythmus beider, während wir in einem Straßencafé auf Jean-Philipps Partner von Ecoguide Brasil warteten. Mit Therese und Michel Aubreton entwarfen wir den weiteren Plan und entschieden letztlich, dass wir weiter den Rio Negro hinaufgehen würden, um am Ende den Brazo Casiquiare, die Verbindung zum Orinoco zu erreichen. Jean-Philippe war der Oberlauf des Rio Negro bestens bekannt und er hatte dort auch schon Kontakt zu den Yanomami. Am Rio Solimoes, wie der Amazonas ab Manaus in Brasilien genannt wird, gäbe es zwar mehr Indianergebiete, aber die Kontaktmöglichkeiten dort waren sehr ungewiss. Bevor wir aufbrachen, suchten wir das Staatssekretariat für Kultur und Tourismus auf. Die Leute waren vom Projekt begeistert und versahen uns mit einer Deklaration, die wir bei eventuellen Schwierigkeiten vorweisen könnten. In der Nacht entnahm ich eine ERDE vor der Oper von Manaus, in der Caruso niemals gesungen hat.
Am Abend des 26. September brachen wir mit dem Linienboot von Commandante Antonio Tanaka dos Santos, den Jean-Philippe von früher her kannte und der uns freundlich begrüßte, nach Sao Gabriel de Cachoeira auf. Die freundliche Beziehung zu Tanaka vertiefte sich während der Reise, wodurch wir mit Tanakas kleinem Aluschnellboot Orte aufsuchen konnten, die das Schiff nicht direkt anlief. Auf diese Weise gewannen wir sieben weitere ERDEN, bis wir in der Nacht des dritten Tages den Landeplatz bei Sao Gabriel erreichten. Wegen der Stromschnellen kann dieser Ort mit größeren Schiffen nicht direkt angelaufen werden. Mit dem Taxi fuhren wir dann in das Städtchen, in dem am Vorabend der Gouverneurs- und Präfektenwahlen ein großes Volksfest stattfand. Hier feierten Menschen von vorwiegend indianischem Aussehen.
Schon auf der Tanaka hatte Jean-Philippe Kontakt zu Alzemiro Barbosa da Silva aufgenommen, der sich in Manaus einen gebrauchten Außenbordmotor gekauft hatte. Er organisierte nun ein kleines Aluboot, wir kauften Lebensmittel ein und versorgten uns mit Treibstoff.
   
Am 1. Oktober passierten wir die Stromschnellen von Sao Gabriel und machten uns auf den Weg nach Norden. Bei der Ilha do Caiphota streikte der Motor ein erstes Mal. Das war vorerst nicht so schlimm, denn die Insel befand sich genau auf dem Äquator und auf diesem wollte ich eine ERDE graben. Der Kontakt zu den zwei hier lebenden Familien war schnell hergestellt. Wir tranken zusammen einen Kaffee, Valdomiro Matheus erzählte uns die Legende der Insel und füllte dann selbst den Beutel mit der ERDE, die für den Bau der Häuser hergenommen wird. Alzemiro hatte inzwischen den Motor instand gesetzt und wir setzten unseren Weg fort. Allerdings nicht in der prognostizierten Geschwindigkeit, sodass wir bereits am Nachmittag Sao Felipe anliefen. Wir wurden eingeladen, hier zu übernachten, und bekamen die Versammlungshütte als Schlafplatz zugewiesen. Das wegen der Wahlen hier anwesende Militär kontrollierte freundlich unsere Pässe und Alzemiro baute wieder am Motor. Am nächsten Morgen begann es zu regnen. Nach einer Weile des Wartens schlugen wir einige Stangen im Busch, installierten mit einer Plane ein Verdeck, fuhren los und kamen gerade zehn Meter weit. Erst gegen 14 Uhr konnten wir wieder weiterreisen, nachdem ein alter, als verrückt geltender Mann, die Maschine flottgemacht hatte. Nun ging es aber mit 18 Meilen pro Stunde voran. Durch den Fahrtwind wurde mir es empfindlich kalt, ich kroch in meinen Schlafsack. Dann, um 17.30 Uhr, ein kurzes Rasseln im Motor und dieser gab für immer seinen Geist auf. Mit den vorsorglich in Sao Felipe gekauften Paddeln erreichten wir Ursula, wo ich das verletzte Knie von Fausto, dem Oberhaupt der dort lebenden Familie, behandeln konnte. Daraufhin wurde ein Einbaum flottgemacht und der Sohn schleppte uns nach Cucui, dem letzten brasilianischen Ort am Rio Negro. In tiefster Dunkelheit kamen wir an. Plötzlich ein Befehlsgeschrei und dann drei Schüsse. Wir waren für kolumbianische Guerilleros gehalten worden, die am gegenüberliegendem Ufer präsent sind. Der Irrtum wurde aufgeklärt. Nach der Passkontrolle nahmen wir in Donna Lilis "Hotel" Quartier. Nach einem vorzüglichen Fischessen endete der Abend mit Feuerwerk und Freibier, weil Professor Amilton die Wahl in S.G.C. gewonnen hatte. Alzemiro fand einen Mann mit Motor. Am nächsten Morgen passierten wir die venezolanische Grenze, wurden von den Grenzern an den Capitain in San Carlo verwiesen und erreichten dieses am frühen Nachmittag.
Hier war die Stimmung alles andere als gelassen. Wir wurden sofort zum Befehlshaber eskortiert, ohne die Gelegenheit zu bekommen, vorher dem Kaziken von San Carlo zu sprechen. Mit dem war Raimundo Savio Andra de Delia, unser Motormann bekannt. Die ganze Episode hätte dann vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Eine zweistündige Diskussion mit dem hinter seinem Tisch thronenden Capitain unter Hinzuziehung eines Geologen brachte uns nicht weiter, wir saßen fest. Damit war unsere Vorstellung, in Venezuela Yanomami zu treffen, zunichte gemacht. Zum Landeplatz zurückgekehrt, tauchte plötzlich der Ingenieur Yvan wieder auf, ließ sich mein Projekt noch einmal genau erklären und machte dann das überraschende Angebot, uns zu einem Stamm am Brazo Casiquiare zu begleiten. Auf dem Weg dorthin überholte uns observierend ein Militärboot. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, dass das der Chef der Guerilleros war, der zum Glück unseren Bootsführer Alzemiro kannte und uns dadurch vielleicht äußerst unangenehme Weiterungen erspart blieben. Nach einer knappen Stunde erreichten wir das Indianerdorf Meremey, der entfernteste Punkt der Reise. Mit Yvan war schnell ein freundlicher Kontakt zu den Curipaco und Yeral hergestellt. Ich stellte den Versammelten mein Werk vor, dann hörten wir eine Geschichte aus dem Munde des Kaziken Raymundo Yeri Yori Perreiras. Mit der ERDE aus dieser Gemeinschaft kamen wir rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wieder in San Carlo an. In der Nacht nahm ich dort heimlich eine ERDE am Ufer. Am nächsten Morgen besuchten wir den Baum, der Humboldt & Bonpland 200 Jahre zuvor aufgefallen war. Dann stellte sich heraus, dass die Venezolaner uns unter keinen Umständen Benzin verkaufen wollten. Alzemiro und Savio hatten auch gegenüber, bei den Guerilleros kein Glück. So blieb nur noch der Gang zum Capitain, der uns dann eine Erlaubnis zum Benzinkauf ausstellte, um uns endlich loszuwerden. Mit einiger Erleichterung kehrten wir nach Brasilien zurück.
Auf dem Rückweg nach S.G.C. erhielten wir noch fünf ERDEN und fünf Geschichten von den Barré, die an den Ufern des Rio Negro leben.
Zurück in S.G.C. stellte uns Enzio, der vormalige Chef der IBAMA, mit dem Jean-Philippe schon zusammengearbeitet hatte, ein kleines Aluboot zur Verfügung und versah uns mit einem Permit zum Besuch des Pico de Neblina - Nationalparks. Deco, der uns dorthin begleiten würde, erschien pünktlich am Morgen des 7. Oktober mit einem Jeep. Unsere Säcke wurden aufgeladen und Benzin an der Tankstelle gekauft. Danach überstanden wir das Geschüttel einer etwa dreistündigen Fahrt auf der Urwaldpiste, bevor wir den Rio Yamiri erreichten. Das Boot war schnell klargemacht, wir fuhren den Fluss hinab und den mäandernden Rio Canaburi hinauf. Wir genossen entspannt die unendliche Vielfalt des Waldes, lauschten dem außergewöhnlichen Gesang der Guaribe-Affen und legten dann um vier Uhr am Ufer an. Deco schlug mit der Machete drei Stangen, über die eine Plane gespannt wurde, zwischen sechs weiteren wurden unsere Hängematten befestigt, fertig war das Urwaldcamp. Nach dem ausgiebigen Abendmahl vom offenen Feuer verbrachten wir eine wunderbare Nacht. Gegen Mittag des nächsten Tages kamen wir in Maduraca an. Deco wurde vorausgeschickt und kam mit der Einladung von Julio zurück. Wir stiegen den Hügel hinauf und warteten vorm Haus. Nach einer kleinen Weile erschien der blauäugige Julio, mit schwarzweißen Federn in den Ohren und einem Perlengürtel geschmückt, begrüßte uns aufmerksam und freundlich und wies uns unseren Schlafplatz unterm Dach der Maniokhütte zu. Am Abend, nach dem Meeting und Fest, würde er Zeit für uns haben. Nach und nach kamen die Leute vom Dorf auf der anderen Seite des Flusses vorbei, begrüßten uns und zogen mit Tabak versehen weiter zum Meeting. Später tauchte ein liebevoller alter Mann auf, der ausgiebig streichelte und küsste, Julios Bruder. In der Nacht stellten wir Julio mein Projekt vor. Er war beeindruckt und sicherte uns seine Unterstützung zu. Am nächsten Morgen arbeitete Julio in seiner Plantage. Zur Mittagszeit führte er uns zu der Stelle, an der Joao, der Stammvater des Stammes begraben liegt. Er half mir die ERDE in den Sack zu füllen. Dann gingen wir zum Zeremonienplatz des Dorfes, wo ein geschmückter alter Yanomami tanzend sang. Vom Lebensmittelpunkt dieses Stammes gruben wir die zweite ERDE. Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl schmückte sich Julio in unserm Beisein wie am Vortag, vervollständigte das Aussehen mit einer lang den Rücken hinunter hängenden Halskette und Fellarmbändern. Das Linke wurde mit einem großen Busch gelber Federn verziert in die eine lange rote Feder gesteckt wurde. Mit Blasrohr, Pfeil und Bogen bewaffnet, verschwand er Richtung Dorf. Lange klangen Trommelschlag und Gesang herüber. Seit drei Monaten betrieb er seine Initiation, die Rückkehr zur Kultur seines Volkes. In der Nacht durfte ich ihn, inzwischen mit schwarzen Linien bemalt, porträtieren. Danach erzählte er uns die Geschichte seines Stammes, die ich mitschnitt.

Auf der Rückfahrt am nächsten Tag begleitete uns Adelia, seine Frau. Plötzlich überholte uns ein Militärboot und stoppte uns. Pässe und Gepäck wurden überraschenderweise kontrolliert, aber alles war in Ordnung. Wir erreichten den Landeplatz an der Straße am Nachmittag. Der Jeep, der uns dort erwarten sollte, war nirgends zu sehen. Bei Einbruch der Dunkelheit nahm uns ein Militärjeep mit, dessen Motor nach und nach den Geist aufgab. Mit Mühe und Not erreichten wir die Kaserne in Sao Gabriel und der freundliche Capitain ließ uns mit einem Lastwagen zum Hotel bringen.
Ich war überglücklich, am Ende die Yanomami erreicht zu haben. Dieses Gefühl konnte auch der Überfall der Moucui-Zecken in Maduraca, die wir jetzt nur mühsam mit dem Messer aus Armen und Beinen herauszuholen versuchten, nicht beeinträchtigen.
Am 11. Oktober holten wir bei Jean-Pierre, einem schon lange in S.G.C. lebenden Schweizer, die getreulich aufbewahrten ERDEN vom Rio Negro ab und brachten sie zum Schiff von Tanaka, der sie nach Manaus transportieren würde. Die letzte ERDE des Projekts gab mir Borge de Oliviera Franca, ein Oberhaupt der Barré in der Region von Sao Gabriel. Eine Nacht mussten wir noch um unseren Flug bangen, denn wir standen nur auf der Warteliste. Aber auch das ging gut und wir kamen am frühen Nachmittag des 12. Oktober in Manaus an.
Dort verpackte ich alle ERDEN in Boxen und ließ diese in Thereses Küche zurück, denn ein von Cornelio Correa aus Santarem offerierter Schiffstransport nach Hamburg kam nicht zustande. Später versprach mir Martin Klenke, der deutsche Honorarkonsul in Manaus, sich der ERDEN anzunehmen, bis das Goethe-Institut deren Transport bewerkstelligen könnte.

Ich hatte in 45 Tagen zusammen mit Jean-Philippe, ohne dessen Hilfe das Projekt nicht in dieser Weise zustande gekommen wäre, eine Strecke von fast 5000 Meilen auf dem Amazonas und seinen Nebenflüssen zurückgelegt und dabei 51 ERDEN gewonnen, die mit drei Monaten Verzögerung Anfang Januar in München ankamen