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kailas - gang rinpoche - das schneejuwel - die zweite reise

Die Reise nach Tibet und zum Kailas im heiligen Wasser-Pferd-Jahr 2002


In dem Buch "Der vollkommen klare Kristallspiegel" vom 34. Drikung Rinpoche steht geschrieben, dass die Umwanderung des Gang Rinpoche, dem Schneejuwel, wie die Tibeter den heiligen Berg nennen, in einem heiligen Jahr besonders verdienstvoll ist. Eine Umrundung zählt dann so viel wie 13 Koras. Nach 13 Pilgerungen darf man den Inneren Kreis betreten. Ein guter Grund, noch einmal zum Kailas zu gehen. Wir wollten den Kailas auf der äußeren Kora umrunden, der über die Indusquelle führt und den dritten Kreis im Mandala des heiligen Berges darstellt.

Die Reise zum Kailas war von Bruno zu Saka Dawa im Mai geplant. In dieser Zeit wird Tarbotsche, die riesige Fahnenstange im Westtal am Kailas, neu aufgerichtet und tausende Pilger strömen zum Berg. In diesem heiligen Jahr würden es um ein Vielfaches mehr sein - der eindrückliche Hintergrund für einen Film. Doch die Angelegenheiten entwickelten sich nicht so wie gedacht und Bruno verschob die Reise von Monat zu Monat.

Ich war gar nicht so böse darüber, denn das ganze Frühjahr hatten mich die verschiedensten Krankheiten geplagt, meine Kondition war auf dem Nullpunkt angelangt. Ich stellte meine Teilnahme ernstlich in Frage. Anfang Juni beschaffte ich mir ein Fitnessrad und trat von da an täglich eine halbe Stunde darauf ein. Zunächst mit mäßigem Erfolg. Dann überquerte ich Anfang Juli zusammen mit Trini, das sich diese Tour gewünscht hatte, zu Fuß die Alpen von Oberstdorf nach Meran. Eine wahnsinnig schöne Wanderung, mit vielen langen Abstiegen, die meinen Knien sehr viel abverlangten. Zum Glück linderte eine Kung-Fu-Tinktur von Martin, der die Tour mit uns begonnen hatte, die aufkommenden Schmerzen. Erst danach fühlte ich mich reif für den Himalaja und Tibet.

Eine Woche vor dem Abflug sagte Bruno seine Teilnahme ab, weil er in der Korrekturphase seines Buches unmöglich weg konnte. Er gab mir und Beate, der ich dabei zum ersten Mal begegnete, alle notwendigen Informationen zur Reise, insbesondere seine Vereinbarungen mit Topden Lama aus Kathmandu, der die Tour vor Ort organisiert.

Am Montagabend, den 22. Juli, fliegen wir ab. Auf dem Flughafen lerne ich Christl, Sonja und Manja kennen, die ebenfalls zur Gruppe gehören. Am 23 kommen wir in Kathmandu an. Es war gerade von einer gewaltigen Flut heimgesucht worden, ausgelöst vom zu spät, aber außergewöhnlich heftig eintreffenden Monsun. Ziggy und Vera aus Taiwan stoßen zu uns. Am folgenden Tag fliegen wir weiter nach Nepalgunj im heißen Tiefland Westnepals. Wir entkommen aber der Hitze nicht gleich, der Monsun verhindert den Flug. Erst einen Tag später treffen wir in Simikot, dem Ausgangspunkt unserer Pilgerreise ein. Während des Flugs mit der kleinen zweimotorigen Maschine ist überhaupt nichts von den Himalajabergen zu sehen. Erst Sekunden vor der Landung taucht die Graspiste von Simikot aus den Wolken auf.

Aus der Luft kann ich keine Veränderung bemerken. Doch nach der Landung erblicke ich den Stützpunkt der Armee, die sich unmittelbar an der Landebahn hinter Sandsäcken eingeigelt hatte, um den Mao-Rebellen oder -Terroristen standzuhalten. Der Sherpa Prem und der Koch Anga erwarten uns schon, Yungjor, der Sirdar, ist mit uns aus Kathmandu gekommen, wir sind komplett. Nach dem Lunch geht es los. Die Karawane folgt, wenn alle Tiere beladen sind. Ungefähr drei Stunden später erreichen wir Dharapuri, unser erstes Camp. Hier erwarten wir die Maos, um den Wegezoll von 100 Dollar pro Kopf zu entrichten. Doch außer Kindern aus dem Dorf taucht niemand auf.

Der Aufbruch am Morgen wird nicht mehr durch einen Checkpoint der Armee verzögert. Vor drei Jahren mussten wir bis zur tibetischen Grenze fünf Kontrollen über uns ergehen lassen. Jetzt hat sich die nepalesische Administration bis nach Simikot zurückgezogen. Allerdings hörten wir von Topden, dass manchmal Soldaten in Zivil den Trekkern folgen und versuchen, die Maoisten bei oder nach der Zahlung der Gebühr zu liquidieren. Schlechte Aussichten, aber ich genieße den Weg über Kermi und den Simiko La (ca. 3000 m) zum zweiten Lager an der Brücke über den Chhungsa Khola. Ab hier wird der Weg entlang des Karnali immer spannender, die erste Mani-Mauer taucht auf und wir besuchen das Kloster Namka Khyung Zong oberhalb von Yalbang. Es ist inzwischen von einer Mauer umgeben und mit einem Tor versehen. Der Künstler, der vor drei Jahren noch an den Malereien am Eingang zum Kloster gearbeitet hatte, montiert gerade die zwei goldfarbenen Gazellen mit dem Weltenrad auf dem reich bemalten Tor. Wir werden eingeladen, Buttertee zu trinken. Am Abend erreichen wir unser Lager oberhalb von Muchu inmitten eines tibetischen Anwesens. Ich erfrische mich mit einem Bad im Karnali. Der schlägt hier einen Haken und verschwindet in einer unbegehbaren Schlucht der hoch aufragenden Felsen des Himalaja-Hauptkamms.

Jetzt kommt der erste richtig steile Aufstieg. Mein langsamer, aber stetiger Trott (ich versuche mich, beim Gehen zu erholen) bringt mich mit dem Gefühl der Leichtigkeit hinauf und aus vollen Herzen rufe ich auf der Passhöhe mein sosososo… Später führt der Weg über die sanft ansteigende Trasse der geplanten Straße nach Purang in Tibet. Bequem aber langweilig und die herrliche Landschaft zerschneidend. Das Camp befindet sich jetzt auf einer eingeebneten Terrasse weit oberhalb von Yari, wo wir auf der letzten Kailasreise lagerten. Aus dem Zelt kann der Blick weit hinaus bis zum Karnali-Tal schweifen. Von hier aus sind es nur noch etwa 500 Höhenmeter bis zum Nara La. Es ist der letzte, 4600 Meter hohe nepalesische Pass. Die Meisten kämpfen an diesem Tag mit unterschiedlichen Krankheitssymptomen und den Auswirkungen der Höhe. Bald sind alle in den Zelten verschwunden. Die zahlreichen, hier ebenfalls lagernden Nomaden (die letzten kamen mit ihren Yaks in einer riesigen Staubwolke sehr malerisch im Gegenlicht der untergehenden Sonne an) unterhielten sich die die ganzen Nacht hindurch, um sich warm und mich ein wenig wach zu halten.

Am nächsten Morgen ist der Pass bald erklommen und gibt den Blick in die steinerne Unendlichkeit Tibets frei. Nur die saftig grünen Felder von Sher markieren in der Ferne die Grenze. Ich werfe nach alten tibetischem Brauch die ersten Manuskriptseiten von Brunos Buch in den Himmel über dem Pass. Der endlos sich hinziehende Abstieg fand seinen Abschluss bei einem Bier in Hilsa. Wir überschreiten die Brücke über den wieder aufgetauchten Karnali und verlassen Nepal. Eine halbe Stunde später begeben wir uns im befestigtem Grenzposten in die Hände der chinesischen Soldaten, die diese sofort in unsere Rucksäcke versenken, um nach Bildern des Dalai Lama oder anderen verbotenen Sachen zu suchen. Sie finden aber nichts. Die Treiber werden mit einem Trinkgeld entlassen und kehren zurück, wir fahren mit Jeep und Truck nach Purang. Der Besuch des Korschak-Klosters auf dem Weg dorthin ist eine herbe Enttäuschung. Vor drei Jahren hatten uns noch der von Hörnern und Trommeln begleitete Gesang der Mönche Schauer beim Betrachten der Fresken und Tierbalge über den Rücken laufen lassen. Jetzt ist der Innenhof von Steintrümmern übersät und die drei Mönche murmeln nur mehr leise vor sich hin. Die Verwüstungen stammen angeblich noch von der Kulturrevolution. Vor drei Jahren hatten wir davon nichts gesehen.

Die Passkontrolle in Purang verläuft ohne Probleme, das Gepäck wird nicht kontrolliert. Doch die Sherpas eröffnen uns, dass die Tour zur Indusquelle nicht möglich sei, wir würden keine Genehmigung dafür bekommen. Ob das wirklich so ist oder nur ein höflicher Hinweis auf den Gesundheitszustand der Gruppe, die so die Quelle tatsächlich nicht erreichen kann, bleibt dahingestellt. In diesem Augenblick führt kein Weg dorthin und so ich insistiere nicht weiter. Ich bin sehr traurig, denn ich werde keine Gelegenheit haben, den Kailas auf allen drei Pilgerwegen zu umrunden.

Am Nachmittag besteigen wir den Bus, der uns durch Tibet transportieren wird. Ein unglaubliches Gefährt. Einige Fensterscheiben fehlen, manche Sitze hängen nur noch an einer einzigen Schraube und auf dem Beifahrersitz ist ein riesiger Wassertank montiert. Ein auf der Motorhaube sitzender Sherpa kann so den Motor mit einem Schlauch zusätzliche Kühlung zukommen lassen, was er dann die meiste Zeit auch tun muss. Wir fahren am Fuß der Gurla Mandhata entlang über den Gurla-Pass und am heiligen See Raksastal vorbei zum Manasarovarsee. Hier akklimatisieren wir uns zwei Tage, die ich leider krank im Zelt verbringe. Eine Erkältung (der Bus war zu gut belüftet) wirft mich so zu Boden, dass ich mich kaum noch rühren kann und Prem eine Höhenkrankheit befürchtet. Die Fahrt von unserem zweiten Lager an der Chiu Gompa nach Darchen überstehe ich nur gut verpackt im Schlafsack.

Trotz größter Bemühungen unseres tibetischen Reisebegleiters Tempa und dem Winken mit ein paar Dollarscheinen, ist es nicht möglich zum Westtal weiterzuziehen und dort unser Camp für die Kora einzurichten. Wir beziehen also Zimmer im weltberühmten Guesthouse von Darchen. Ich habe Zeit, mein Kailas-Buch zu seinem Bestimmungsort zu tragen. In der Kailas-Klinik, ganz in der Nähe des Tschörten von Darchen, warten viele Pilger auf Gyaltsen, den Arzt. Der kommt schnell heraus, als er hört, um was es geht, und freut sich riesig über das Geschenk. Trotz des Andrangs untersucht er mich gleich per Pulsdiagnose und fragt mich nach meinem Alter. Die Diagnose: Ich habe einen extrem niedrigen Blutdruck, der in dieser Höhe zu diesen Symptomen führen kann und nichts mit der Höhenkrankheit zu tun hat. Ich bin so erleichtert, dass ich auf der Stelle gesunde und am nächsten Tag um den halben Kailas laufe. Im Westtal erwartet mich allerdings eine herbe Enttäuschung. Ich hatte dort schon einmal auf einer lieblichen Blumenwiese mit Blick auf die sonnenüberfluteten Flanken des Schneejuwels übernachtet - dem schönsten Bergtal, das ich je betreten hatte. Jetzt ist es von den Rädern der Trucks durchfurcht wie eine Panzerstraße. Die Lastwagen bringen in ununterbrochener Folge Pilger zur Tschökku-Gompa und warten dann ungeduldig hupend auf deren Rückkehr. Dieser Lärm verebbt erst, als wir um die Ecke zum Drira Phug Kloster einbiegen. Hier ein neuer Schreck: auf der Lagerwiese vor der erhabenen Nordwand des heiligen Berges ist ein Guesthouse errichtet worden, das seine bauliche Hässlichkeit durch den reichlich umherliegenden Müll noch steigert. Ich nutzte die Zeit vor dem Abendmahl, um von den wimpelgeschmückten Höhen über dem Lager einen wehmütigen Blick ins Tal des Lhe La zu werfen, durch das der Weg zur Indusquelle führt.

Als ich am nächsten Morgen meinen Kopf aus dem Zelt schiebe, sehe ich eine fast ununterbrochene Kette von Pilgern. Es müssen Hunderte oder Tausende sein, die zum über 5600 Meter hohen Drölma La hinauf wandern. Wir reihen uns ein und müssen aufpassen, nicht herumgeschubst zu werden. Bald erreichen wir Silwe Tsäl, dem einhundertacht Mal auf der ganzen ERDE vorkommenden, besonderen Bestattungsplatz. Er ist übersät mit zahllosen Kleidungsstücken, die die Pilger hier symbolisch mit ihrem vergangenem Leben zurücklassen. Ich füge ein Büschel meiner Haupthaare hinzu. Die Menschenmassen verdichten sich, es wird enger und enger, den letzten Steilaufschwung zum Pass muss man sich ordentlich durchkämpfen. Unzählige Wimpel flattern hier im Wind und immer neue kommen hinzu. Es ist kaum noch Platz für die Menschen. Wieder werfe ich Manuskriptseiten von Bruno in die Luft. In dem unglaublichem Gedränge suche ich eineinhalb Stunden vergeblich nach Ziggy. Als Schneesturm einsetzt, gebe ich es auf und steige allein ab. (Später erfahre ich, dass er zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf mich gewartet hat.) Ich genieße das gemächliche Wandern durch das windgeschützte und hin und wieder sonnenbeschienene Osttal. Später wird es ungemütlich. Im starken Regen laufe ich fast am Camp vorbei, doch Prem zieht mich ins Zelt. Es ist die erste richtig nasse Nacht.

In der Zütrülphug Gompa will mir der Schlüsselverwalter unter keinen Umständen das Buch zeigen, an das ich mich so lebhaft erinnere. Es war sicher über tausend Jahre alt, mit goldenen Buchstaben auf silbernen Grund geschrieben und drei Buddhas zierten den geschnitzten Deckel. Schade, aber da war nichts zu machen.

Nun ist der Innere Kreis unser Ziel. Tempa lässt uns bis zum letzten Moment zappeln, ehe wir für 15 Dollar die Erlaubnis zum Betreten bekommen. Wir sind die bisher einzigen Westler, denen das in diesem heiligen Jahr gelingt. Gespannt und erwartungsvoll steigen wir zur Selung Gompa auf. Von dieser Meditationsstätte aus kann man alle drei heiligen Orte sehen, den Manasarovar, den Raksastal und den Kailas. Wir zünden alle verfügbaren Butterlämpchen an und gehen weiter. Auf der Linie zwischen den zwei Tschörten, die den Eingang zum oberen Tal flankieren, spüre ich eine unbekannte Energie, die von der ERDE auszugehen scheint. Mit wachen Sinnen steige ich weiter auf und erreiche Lhatse, die Fahnenstange, die den Anfang und das Ende des Inneren Kreises markiert. Hier will ich ERDE gewinnen. Doch erst einmal steige ich weiter auf und komme durch ein nicht enden wollendes Feld bizarrer, kunstvoll aufgerichteter Steinmänner. Hinter einer Kuppe baut sich die atemberaubenden Kailas-Südwand in ihrer ganzen Pracht auf. Ich folge dem Weg zur Wand ein Stück, bis mich irgendetwas davon abhält weiterzugehen. Ziggy zieht allein weiter und vollendet zusammen mit Yungjor, der ihm in Sorge nacheilt, die innere Kora. Ich sammle noch einige Steine, kehre um und treffe weiter unten die andern. Durch das Teleobjektiv kann ich die dreizehn Drikung-Tschörten auf einem Band in der überhängenden Südwand erkennen. Zurück am Lhatse grabe ich ERDE aus und verweile noch lange an diesem Ort in der Sonne Tibets. Als Ziggy hinter dem Nandi auftaucht, breche ich auch auf. Unten an den Tschörten treffen wir zusammen.

Am Abend dieses denkwürdigen Tages sind wir in der Kailas-Klinik mit Doktor Gyaltsen verabredet. Wir betrachten zusammen das Buch und ich sehe endlich die im traditionellen Stil neu gebaute Bibliothek. In ihr wird mein Kailas-Buch einen würdigen Platz erhalten. Ich erhalte überraschenderweise noch drei ERDEN aus der inneren Kora. Sie stammen von den heiligen Seen Tso Ragda und Tso Kabala sowie aus einem Bruchstück der alten, ursprünglichen Drikkung-Tschörten. Diese waren gesprengt worden, die Bruchstücke liegen heute im Kar unter der Wand. Bevor wir abreisen treffen ich noch Longden, den Dorfheiligen von Darchen mit seiner Frau. Auch er ist sehr froh, dass die ERDE in Gestalt meines Buches zum Berg zurückgekehrt ist.

Unzählige Reparaturen und einige Flussüberquerungen verzögern die Fahrt nach Thirtapuri, wir erreichten den Pilgerort erst am Abend. Die heißen Quellen dort sind so vermüllt, dass das heiß ersehnte Bad ausfallen muss. Zum Ausgleich erleben wir ein phantastisches Farbenspiel des Himmels auf der abendlichen Runde um das Kloster. Die ganze Anlage widerspiegelt die Welt des Gang Rinpoche im Kleinen.

Am Rückfahrtmorgen haben wir einen miesen Start. Der mit Gästen völlig überladene Bus kommt nur fünfzig Meter weit und bleibt dann liegen. Die Mitfahrer müssen uns wieder verlassen, außerdem wird ein neuer Benzintank angeschlossen, ehe es mühselig weiter geht. Es wird Abend, ehe wir wieder über Darchen fahrend unser Lager am Manasarovarsee erreichen. Inzwischen ist es möglich, den heiligen See mit dem Auto zu umfahren. Auch wir starten dazu am nächsten Morgen. Irgendwo hinter dem Seralung Kloster steige ich aus und laufe am Ufer entlang zum Lager am Fuß der Nordflanke der Gurla Mandata. Es wird ein langer Marsch, denn ich verschätze mich in den Dimensionen des Weges. Bei der Auffahrt zum Gurla-Pass am nächsten Tag macht unser lieber Bus schlapp. Wir warten lange, ehe er uns auf der Höhe wieder aufnimmt. Die Abfahrt nach Purang schafft er dann gerade noch.

Zum Korschak-Kloster können wir im Bus von indischen Pilgern mitfahren. Nach einer Rast mit Buttertee in Tempas Haus, bringt uns ein Truck zur chinesischen Grenzfestung in Sher. Schon eine halbe Stunde später treffen die Treiber mit ihren Tieren ein. Noch während diese beladen werden brechen wir ins Limital auf. Der Pfad zieht sich an den Hängen des Karnali entlang. Von der gegenüberliegenden Talseite grüßt der Nara La, den wir auf dem Hinweg überwunden haben. Am späten Nachmittag kommen wir nach Manepeme, dem einzigen Lagerplatz mit Wasser im unteren Limital. Es ist eng, denn eine nach Tibet gehende Yakkarawane lagert ebenfalls hier. Am nächsten Tag stellt sich der 4300 Meter hohe Lamka La in den Weg. Der ist so anstrengend, dass einige ziemlich mitgenommen ausschauen. Beim folgenden Hot Lunch wird dann allen so schlecht, das dieser für die Zukunft endlich aufgegeben wird. Von jetzt nehmen wir Lunchpakete mit auf den Weg, was ich von Anfang an favorisiert hatte. Das nächste Lager bei Halji ist recht komfortabel, da man gut im Limi Khola baden kann. Nach dem Abendessen überfallen mich plötzlich und unerwartet ausgiebigen Darmentleerungen, die die ganze Nacht über anhalten. Der Morgen meines Geburtstags beginnt so ziemlich verdrießlich. Die Besichtigung des seit tausend Jahren unzerstört bestehenden Klosters von Halji, in dem wir ein ebenso altes Buch anfassen und betrachten können, verbessert meine Stimmung, nicht aber meinen Zustand. Oberhalb von Limi setzt sachte Regen ein. Ich kann die Gruppe hinter mir lassen und mir wird ein wenig besser. Ich komme in ein Tal mit unerwartet ebenen Grund. Links oben steht, im Nebel fast verschwindend, ein winziges Kloster. Eine Reihe unterschiedlicher Tschörten verliert sich schemenhaft in der Ferne. Es ist unheimlich still, der Boden fühlt sich weich an unter den Sohlen. Leises Klingeln ertönt und plötzlich galoppiert eine malerische Reiterschar aus dem Nebel. Hoho, woher kommt Ihr? Vom Kailas! Seid gesegnet und alles Gute! Und verschwunden ist die Kavalkade, das Geklapper der Hufe verklingt im Dunst. Der Weg zieht sich noch weit hin, ehe ich hinter einigen Talecken mit Ziggy im Lager und bei Sonnenschein ankomme. Zur Feier das Tages gibt es Yakbraten. Das gut sechs Monate abgelagerte Fleisch haben die Sherpas in Limi erstanden, das Mahl schmeckt köstlich und bekommt mir gut. Zum Nachtisch gibt es eine Torte mit der Aufschrift "Happy Birthday Ekke".

Die Landschaft ist auch am folgenden Tag prachtvoll, hohe Scheeberge werden sichtbar, Höhepunkt ist eine Flussüberquerung. Barfuß und ohne Hosen, vorsichtig mit den Stöcken den Grund abtastend, erreiche ich das andere Ufer. Das reißende Wasser reicht bis zum Oberschenkel.

Wir überschreiten den 4940 Meter hohen Nyalu La, wo ich die letzten Seiten von Bruno in die Luft werfe. Das Lager wird vorzeitig eingerichtet, weil wir unbedingt auch noch über den Kuki La (4920 m) gehen wollen. Vor diesem ist ein ziemlich steiler Hang zu erklimmen und ein wunderschönes Hochtal zu durchschreiten. Im Grund des folgenden Tals treffen wir wieder mit der Karawane zusammen, die einen anderen, längeren Weg nehmen musste. Zusammen überwinden wir noch den etwa 4500 Meter hohen Sechi La, bevor am Abend auf einem Wiesenrücken das Lager aufgeschlagen wird. Die Sherpas haben es hier weit zum Wasser, nach Einbruch der Dunkelheit kommt es dann reichlich von oben. Unbeeindruckt davon, vergnügen wir uns ausgelassen in die Nacht hinein an einem großen Feuer mit nepalesisch-tibetisch-deutschen Wortspielen. Wir haben eine langen Etappe hinter uns, denn wir wollten an diesem Tag unbedingt noch das Tal queren, dass die maoistischen Rebellen auf ihrem Weg zu den Dörfern des Humla Karnali benutzen. Wir begegneten keinen und sollten ab jetzt vor ihnen sicher sein und das Kopfgeld sparen. Am Morgen steigen wir im Nebel ab. Eine unwirkliche, japanisch anmutende Landschaft mit schroffen Klippen, die oben und unten im Dunst verschwinden, exotische Pflanzen und Bäume lassen die Fantasie überschäumen, der Nebel wird hörbar. Leider ist das belanglose, laute Geplapper von Vera und Beate nicht zu beenden und so verstummen Vögel, Blätter, Steine. Nach einem tiefen Ab- und langem Wiederaufstieg schlagen wir unser Lager nur eineinhalb Stunden vor Simikot auf. Die Lasttiere können angeblich nicht gehen.

Am nächsten Vormittag müssen wir zusehen, wie zwei Maschinen ohne uns abfliegen. Wir würden morgen fliegen, versichere Prem. Wir kaufen zwei Hühnchen und haben ein leckeres Abendmahl. Das ist das zunächst letzte Vergnügen, denn von nun an warten wir sechs Tage lang auf Wetterbesserung und ein Flugzeug. Die Maos haben den Telefonknotenpunkt gesprengt und wir haben keinerlei Verbindung zur Außenwelt. Deshalb wissen wir auch nicht, ob sich überhaupt jemand für unseren Abflug einsetzt. Der Fußmarsch zur nächsten Verkehrsverbindung würde 15 Tage dauern und kommt nicht in Frage. Wir sitzen unter dem Vordach der Baracken, warten und schauen dem Regen zu. Irgendwann kommt die Nachricht vom Tower, dass eine Maschine irgendwo in den Wolken am Berg zerschellt sei. Auf einem unserer wenigen Spaziergänge durch Simikot bemerke ich Flugzeugteile in einem Vorgarten. Wir sitzen die meiste Zeit des Tages auf einer Art Veranda und schauen dem Regen zu. Das Essen wird immer schlechter, denn die Vorräte sind aufgebraucht. Abwechslung bringen die zwei Abendessen im "Kailas-Hotel", einer Bretterbude am Tower. Dort werden köstliche Momos und schmackhaftes Fleisch auf offenem Feuer zubereitet. Dann ist auch kein Bier mehr in der Gegend aufzutreiben. Eigentlich ist der Verzehr von Alkohol verboten, denn es herrscht Kriegsrecht wegen der Guerilla. Deshalb sollen wir auch Abends um acht im Zelt verschwinden. Wegen des Biermangels trinken wir jetzt Yang, jungen Reiswein, der mir außerordentlich mundet. Er schmeckt wie Buttermilch und gibt mir das Gefühl, etwas sehr Gesundes zu mir zu nehmen. Der bald einsetzende leichte Rausch verstärkt eine positive Einstellung zur Situation. An Nachschub fehlt es nicht und es ergeben sich schon tagsüber manche Gelegenheiten, dem Getränk zuzusprechen. Am sechsten Tag klart es dann endlich ein wenig auf und wir fliegen ab. Topden hatte jeden Tag mit dem Tower von Nepalgunj telefoniert und außerdem jemanden zum Flughafen geschickt, um unsere Abholung zu betreiben.

In Kathmandu statte ich Pashupatinath einen langen Besuch ab. Den berühmten Hindutempel mit seinen goldenen Dächern und 12 silbernen Türen darf ich selbst nicht betreten. Ich beobachtete aber mehrere Feuerbestattungen, sehe die Jünger des berühmten Milch-Baba, betrachte mit großem Vergnügen die Kamasutra-Schnitzereien und die unglaublich klar, schön und fast elegant gestalteten Fruchtbarkeitsskulpturen in den vielen Tempelchen auf beiden Seiten des Flusses.

Am 26. August ist der Tag des Abschieds gekommen. Wir schaffen es, dass Christl, deren Flug am 21. verfallen war, mit uns fliegen kann. Deshalb kommen wir als Letzte an die Passkontrolle. Alle kommen anstandslos durch, nur Manja wird aufgehalten - ihr Wiedereinreisevisum ist ungültig. Wir werden zurückgeholt und plötzlich sind auch unsere Visa ungültig. Der Stempel von Simikot gilt nicht als Visum, für die entrichteten Visagebühren haben wir keine Quittung. Wir sollen erneut bezahlen, was ich natürlich ablehne. Angestellte der Airline kommen und drängen. Sie wollen abfliegen und deshalb unser Gepäck wieder ausladen. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wir wollen nun zahlen und kratzen unsere Dollars zusammen. Doch da erhöht sich plötzlich der Betrag, es ist zusätzlich Strafe zu zahlen, denn wir sind illegal in Nepal. Empörung, Diskussion, Ungeduld, wir müssen jetzt zahlen, wenn wir nicht drei Wochen auf die nächsten freien Plätze warten wollen. Doch auch das ist schwierig, denn die Zahlstelle hat geschlossen. Zuguterletzt dürfen wir irgendwelche Zettel ausfüllen, eine Menge unquittierter Dollars hingeben, den Securitycheck im Laufschritt überwinden, dann über die Landebahn des internationalen Flughafens zur Maschine rennen, die unmittelbar danach startet. Um 17 Uhr landen wir in München.



Ekkeland Götze

September 2002