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eisfeuer - die reportage

Das neue Bild der Erde


Ekkeland Götze hat sich viel vorgenommen: Der Münchner Künstler arbeitet bereits seit vielen Jahren an einem Selbstbildnis des blauen Planeten. Er sammelt rund um die Welt Erde und druckt sie auf Papier. Das Hyundai Magazin hat ihn während seiner jüngsten Etappe in Island besucht.


Der voraus fahrende Geländewagen zieht eine lange Staubfahne hinter sich her. Bei Tempo 90 halten wir auf der ausgetrockneten Schotterpiste großen Abstand. Plötzlich leuchten die Bremslichter des Hyundai Terracan im getrübten Sonnenschein vor uns auf: Das Fahrzeug hält an, die Fahrertür öffnet sich, wir erkennen in der davon ziehenden Wolke, wie Ekkeland Götze mit der Fotokamera in der Hand heraus springt. Er läuft ein paar Meter vom Auto weg und nimmt den vor uns jetzt gut sichtbaren Brennisteinsalda ins Objektiv. Der farbenprächtige Berg mit Rot, Blau, Gelb und Schwarz schimmernden Liparithängen aus jungem vulkanischen Gestein ist das nächste Ziel des 55-jährigen Künstlers: Götze ist in Island unterwegs, um sein über viele Jahre angelegtes Terragrafieprojekt weiter zu führen. Ekkeland, Absolvent der Kunstakademie in Dresden, dazu gelernter Anstreicher und Siebdrucker, erfolgreicher Student der Betriebswirtschaftslehre und als Restaurator aktiv, wann immer es geht, arbeitet an einem aus vielen einzelnen Abbildungen bestehenden Bild der Erde.


Doch es ist nicht das Foto, das Götze vom Brennisteinsalda für sein Projekt braucht – die Digitalaufnahme wird er am Abend in sein Laptop einlesen und per mobiler Datenfernübertragung auf seine Internetseite spielen. Freunde, Sammler und Kunstliebhaber werden so stets über die Aktivitäten von Ekkeland Götze auf dem Laufenden gehalten. Dem Künstler selbst geht es um den Boden, den er später nach einem anderthalbstündigen Marsch an den Hängen finden wird: Er nimmt einige Schaufeln, schüttet sie in Plastikbeutel und nimmt sie mit zurück in sein Münchner Atelier. Dort druckt er die Erde in einem selbstentwickelten Verfahren unter immer gleichen Bedingungen auf Papier – entweder wenige Quadratzentimeter groß oder ein mal einen Meter messend. Für Götze Möglichkeit des interkulturellen Dialogs: „Selbst Analphabeten im Amazonasgebiet haben meine Arbeit sofort verstanden“, sagt der rastlose Sammler.


Götze startete 1989 nach seiner Übersiedlung in den Westen mit seinem Projekt, war seitdem in den Alpen und an der Berliner Mauer, im italienischen Siena und seiner Geburtsstadt Dresden, in Frankreich, London und Neuseeland, auf dem afrikanischen Kontinent und in Tibet, am Amazonas und in den Vereinigten Staaten unterwegs. Penibel hat er seit 2000 alle Orte fotografisch erfasst und die Entnahmestellen per Satelliten-Navigation exakt berechnet. „Es gibt nicht überall Karten“, nennt er den Grund für seine umfangreichen Dokumentationen.


Götze sucht die Orte nach mythologischen Aspekten, folgt Geschichten und Legenden. „Mythologie hat immer reale Hintergründe“, sagt er. Island zum Beispiel wählte er aus, weil sich rund um die vulkanische Insel unzählige Sagen gebildet haben – Geheimnisvolles und Unerklärliches, Unheilvolles und Erheiterndes ranken sich um die Vergangenheit des Eilands, die über Jahrhunderte an die Nachkommen weiter gegeben wurde. Meistens handelt es sich um die Macht der Naturgewalten, mit denen Island seine Bewohner bis in die heutige Zeit in Bann hält. Kein Wunder, denn Island liegt an der Grenze der auseinander driftenden amerikanischen und eurasischen Kontinentalplatten, gehört damit zu den vulkanisch aktivsten Regionen weltweit und überstand seit der Besiedelung im 8. Jahrhundert rund 150 Vulkanausbrüche – einige mit verheerenden Folgen. „Das dichte Beieinander von Feuer und Eis macht Island zu einem faszinierenden, nahezu unglaublichen Land, in dem es ständige Veränderung gibt“, beschreibt Ekkeland Götze das hoch im Norden liegende Eiland, zu mehr als zehn Prozent von Gletschern bedeckt und Ausgangspunkt für die Entdeckung Grönlands und Amerikas, noch bevor das 2. Jahrtausend begonnen hatte. Wo zudem das erste Parlament, das Allthing, schon im Jahre 930 zusammen trat.


Götze hat sich intensiv mit Island auseinander gesetzt, weiß viel über das dünn besiedelte, etwas mehr als 100.000 Quadratkilometer große Land, vor dessen Küste sich im Nordatlantik, dort wo der warme Golfstrom mit kalten Strömungen zusammen trifft, Robben und Delfine, Wale und reichlich weitere Fischbestände tummeln. Götze ist wissbegierig, begeisterungsfähig, neugierig. Spricht Menschen an, die er trifft, hört ihnen zu, wenn sie über ihr Land erzählen und vermag so abseits der Hauptverkehrsstraßen, der Touristenströme und dessen, was Reiseführer berichten, das Typische, das Einmalige zu finden. Auf der Halbinsel Snaefellsnes stieß er beispielsweise auf den Geburtsort von Gudridur Thorbjarnasdottir, der Frau, die der Legende nach im 12. Jahrhundert das erste europäische Kind in Amerika geboren hat und die am weitesten gereiste Frau der damaligen Zeit war.


Wenn Ekkeland Götze davon erzählt, vermag er die Faszination der Legenden und Sagen zurück kehren zu lassen. Er ist ein brillanter Erzähler, mitreißend und spannend. Unermüdlich ist er auf der Suche nach Geschichte und Geschichten. Freunde von ihm sagen, er sei ein Spinner. Wenn ja, dann jedoch ein liebenswerter, einer, der die Menschen, die er trifft, von seiner Mission zu überzeugen weiß: Ihm hilft immer jemand, ob am Amazonas, wo er im dichten Urwald nicht weiterkam, ob in Neuseeland, wo ihn Maoris, die Ureinwohner, bei seiner Expedition an die richtigen Orte führten.


Mitunter ein schwieriges Unterfangen: Bei der Fahrt auf den Vulkan Hekla, 1.491 Meter hoch und wie ein schwarzes Ungetüm die Landschaft beherrschend, muss der Hyundai Terracan, mit dem Götze in Island unterwegs ist, schon sein ganzes Können als Geländegänger ausspielen, um die steiler und steiler werdende, feuchte Piste über Stock und Stein passieren zu können. Ekkeland gibt nicht auf, ist unentwegt auf der Suche nach Erde, dem für ihn wichtigsten Zeugen dessen, was in Jahrhunderten und Jahrtausenden auf dem Globus vonstatten ging.


Vor wenigen Stunden noch hatten wir Gelegenheit, die überwältigende Natur Islands aus einem ganz anderen Blickwinkel zu erleben: Thörsmörk nahe der Südküste gilt als das schönste Fleckchen der Insel. Das weit geschwungene Tal an den Nordhängen des Gletschers Myrdalsjökull führt anfangs durch saftig grüne Wiesen, bietet dann imposant zerklüftete Bergmassive, schließlich eine Reihe von Wasserfällen, von denen der höchste bei Seljalandsfoss 60 Meter misst. Götze sammelte Erde an der Gletscherzunge des Eyjafjallajökull, wo das Eis in einen idyllischen See mündet, und in Stakksholtsgaja. Wer am Ende der Schlucht, wo ein Wasserfall zu Boden stürzt, aus dem steinernen Becken trinkt, soll Heilsames für seinen Körper tun. Eine Legende, die Oskar Hjartarson erzählt, ein Busfahrer, der mit seinem hochgebockten und auf mächtigen Walzen rollenden Ungetüm Touristen nach Thörsmörk chauffiert.


Wir stehen am Fuße des Brennisteinsalda, dem bunt glitzernden Berg nahe Landmannalauga, den Ekkeland Götze vor wenigen Stunden aus der Ferne fotografiert hat, und genießen den Ausblick auf den 940 Meter hohen Blahnukur und in die goldfarbene Schlucht Bandsgil. Um uns herum quillt weißer Dampf aus dem Boden, schwefelhaltiger Geruch beherrscht die Luft. Unmittelbar neben einer solch heißen Quelle hat Götze soeben Erde genommen, gelblich schimmernd und ein wenig unwirklich. Es war Probe Nummer 36 von insgesamt mehr als 60, die er bei seiner rastlosen Reise quer durch Island sammeln wird. Götze startete in Seydisfjördur im Osten der Insel, fuhr am Nordrand des Hochlandes vorbei nach Westen, über die Kjölurroute nach Süden, besuchte die Halbinsel Snäfellsnes, fuhr später von Süden in die Highlands. Nun wird er in Richtung Vatnajökull, dem größten Gletscher Islands, seine Reise fortsetzen und in 14 Tagen zurück sein in dem Hafen, von dem aus er zwei Wochen zuvor seine Tour begonnen hat. Was sein Ausflug für Ergebnisse bringt, weiß Ekkeland Götze erst in einigen Monaten: Wenn die Erde, die für den Druck vorbereitet wurde, auf Papier gebracht ist und als Installation schließlich seine Sammler erfreut.


Seine Aufgabe ist damit jedoch noch längst nicht abgeschlossen: „Das Projekt ist beendet, wenn jeder Punkt der Erde gedruckt ist“, sagt Ekkeland. „Man könnte dann die Erde mit sich selbst bedecken“, sagt er fast schon schelmisch. „Es ist vorstellbar, obwohl es praktisch unmöglich ist,“ fügt er lachend hinzu. In der Tat: Man kann sich das vorstellen. Und wenn es jemand schaffen sollte, dann ist es Ekkeland Götze.


Aus: Hyundai Magazin, Ausgabe 3.2003

Autor: Klaus Rubach

© 2003: kuk kommunikation und kreation GmbH, Köln